Home ] Nach oben ] Nervensystem ] elektrochem_Vorg_ ] [ erbbedingte_Verh_ ] erfahrungsbed_Verh_ ] Sozialverhalten ] Evolution_Belege ] Evolutionstheorien ] Evolution_Mensch ] Referate ] Glossar ]

 

2 Verhalten bei Tier und Mensch (ca.24h)

2.1 erbbedingte Verhaltensanteile

2.1.1 unbedingter Reflex

2.1.2 Instinkthandlung

2.1.3 Nachweis angeborener Verhaltensweisen

2.1.4 erbbedingte Verhaltensweisen beim Menschen  

 

 

So wichtig Erkenntnisse im Bereich anatomischer und physiologischer Grundlagen für die Verhaltenslehre sind, so deutlich wird auch, dass Verhaltensabläufe nicht allein als Summe physiologischer Prozesse zu beschreiben sind. Vor diesem Hintergrund verstehen die Schüler die Bedeutung der biologischen Fragestellungen und Methoden, mit deren Hilfe das Instinktverhalten von Tieren und seine erfahrungsbedingten Erweiterungsmöglichkeiten analysiert und interpretiert werden.

Sie begreifen, dass die vergleichende Verhaltensforschung keine undifferenzierte Übertragung ethologischer Erkenntnisse auf den Menschen anstrebt, sondern vielmehr gemeinsame Wurzeln und auffällige Parallelen herausstellt und dass man der Komplexität menschlichen Verhaltens nur in der Zusammenschau mit anderen Humanwissenschaften hinreichend gerecht werden kann.

 

Einführungsgedanken

 

Welche Kräfte, welche Gesetze bestimmen das Verhalten des Menschen?

Ist der Mensch nicht willensfrei?

Aber: der Mensch ist kein reines Geisteswesen

Körper: Natur (Hunger, Sexualität, Angst, Wut, Schläfrigkeit) - also auch biologische Bedingtheit des menschlichen Verhaltens

 

Ist alles Verhalten des Menschen biologisch bedingt oder handelt der Mensch aus freiem Entschluss? Schuldfrage? Verdienste?

 

Welche Verhaltenstendenz setzt sich durch? - die stärkere?!

 

Zweifache Bedingtheit des menschlichen Verhaltens: Natur und Entscheidungsfreiheit

PASCAL: „l´homme est ni ange ni bête“

 

wenn der Mensch nur Geisteswesen oder politisches Wesen: durch geistige Kräfte beliebig formbar und manipulierbar - Übersehen der biologischen Kräfte im Menschen - Enttäuschung über Idealbild

 

Kann man durch bloßes Vergleichen des tierischen und menschlichen Verhaltens Schlüsse ziehen?

Einwand: Der Mensch ist kein Tier

Forderung nach einer neutralen Sprache! Ideal: mathematische Formel

- evtl. sind aus den Beobachtungen an Tieren Aussagen über den Menschen möglich, auch neue Denkmöglichkeiten

Aufgabe: Objektive Beschreibung und Interpretation zunächst des tierischen Verhaltens, neue Begriffe

 

 

Grundlegende Fragestellungen und Antworten

 

Versuch oder Verhaltens-Beobachtung (z.B. Banane essen, Hamster)

 

Unterschiedliche Erklärungen des Verhaltens

 

verschiedene Erklärungsebenen:

 

proximate Ursachen  (Wirkursachen) 

Frage nach dem WIE - wie funktioniert das Verhalten

z.B. 

- Welche Reize lösen bestimmte Reaktionen aus und wie werden diese Reize wahrgenommen? (Verhaltenssteuerung, Auslösbarkeit)

- Wie sind Nervensystem und Muskeln strukturiert, damit ein bestimmtes Verhalten möglich wird?

- Welche Mechanismen steuern die Verhaltensentwicklung (Ontogenese)

 

 

ultimate Ursachen (Zweckursachen)

Fragen nach dem WARUM - warum ist das Verhalten so wie es ist?

- Funktion des Verhaltens? (Kosten-Nutzen-Relation, Fitness, Selektionswert, Fortpflanzungserfolg) 

- evolutionäre Entwicklung 

 

 

 

 

 

Disziplinen und Methoden:

Ethologie: Objektive und interpretierende Verhaltensbeschreibung bei Tieren

    Freilandbeobachtungen    

    Ethogramm: Verhaltensinventar einer Tierart

    Kaspar-Hauser-Experimente: Aufzucht unter Erfahrungsentzug

    Attrappenversuche

    Technische und molekularbiologische Methoden

    

Psychologie: Introspektion und Befragung (Frage nach den Bewusstseinsinhalten)

Neurophysiologie: physikalisch-chemische Grundlagen

Kybernetik: Probleme des Informationsflusses, der Steuerung und Regelung

 

 

Schwierigkeiten der objektiven Verhaltensbeschreibung (vergl. Texte von Brehm und Tinbergen)

Anthropomorphismen

vergl. Tierfilme

 

 

erbbedingte Verhaltensanteile

 

Lehrplan Einbeziehen von Filmen und Texten zur Verdeutlichung wichtiger Methoden und Fragestellungen der Verhaltensforschung;
Literatur  Natura 13 S.38-87
Medien

 

Geräte
Chemikalien, Material   

 

Beispiel: Huhn, das von Ente erbrütet wurde - angeborenes Verhalten?

Aufklärung des Erbgangs wäre ein Beweis für ererbtes Verhalten, ist aber nur in wenigen Fällen möglich, z.B. unterschiedliches Verhalten von Bienen verschiedener Stämme bei Erkrankung der Larven an einer Bakterienkrankheit: „hygienische“ Bienen entfernen die Deckel von Waben mit toten Larven und tragen die Leichen weg. Verantwortlich für dieses Verhalten sind zwei rezessive, nicht gekoppelte Gene. Für das komplette Verhalten müssen beide Gene in doppelter Form vorhanden sein.

Hinweis auf technische Schwierigkeiten, bei polygener Vererbung schwer zu analysieren, evtl. zytoplasmatische Vererbung beteiligt, Bastarde meist steril.

Neue Verhaltensmuster auch durch künstliche Zuchtwahl, z.B. bei Tauben.

Definition der Begriffe angeboren und erlernt

Verhaltensweisen sind ebenso wie körperliche Strukturen in der Auseinandersetzung mit der Umwelt entstanden

angeborene (ererbte) Verhaltensanteile (= Erbkoordinationen, Instinkte) wurden in der Stammesgeschichte (Phylogenese) erworben. Informationsspeicher: Erbsubstanz

erlerntes (erfahrungsbedingtes Verhalten) wurde während der Individualentwicklung (Ontogenese) erworben. Informationsspeicher: Gedächtnis

Zur Analyse ist die Zerlegung komplexer Verhaltensweisen in kleinere Elemente notwendig (z.B. Frosch fängt Fliegen)

 

 

2.1.1 - unbedingter Reflex           

Lehrplan

Wiederholen der Vorkenntnisse (vgl. B10.1: Reflexbogen); Erarbeitung und schematische Darstellung des Reiz-Reaktions-Zusammenhangs an einem Beispiel; Hervorheben der biologischen Bedeutung

(ca. 2 Std.)

Literatur   
Medien

 

Geräte
Chemikalien, Material   

 

einfachster Reiz-Reaktions-Zusammenhang

Versuch: Lidschlagreflex des Auges

Funktion: Schutz der Hornhaut vor Verletzungen

Charakteristische Merkmale dieser Reaktion:

- jederzeit auslösbar, nicht vom Willen kontrollierbar

- stets in gleicher, starrer Weise ablaufend

andere Reflexe

- andere Schutzreflexe (Notwendigkeit?)

- Hustenreflex

- Schluckreflex

- Pupillenreflex

- Kniesehnenreflex

- Saug- und Klammerreflex des Säuglings

 

Muskeldehnungsreflex

Versuch: Herabspringen von einer erhöhten Stelle

Je größer die Dehnung, desto größer die kompensatorische Kontraktion - Regelkreis

- Die Dehnung des Skelettmuskels wird durch Dehnungsrezeptoren (Muskelspindeln) registriert.

- Die Information über die Dehnung gelangt über ein sensibles afferentes Neuron zum Rückenmark.

- Übertragung auf ein Motoneuron über eine einzige Synapse (monosynaptischer Reflex) 

- Auslösung einer Muskelkontraktion, welche die Dehnung wieder rückgängig macht.

 

in Wirklichkeit komplizierter: g-Spindel-Schleife, Servomechanismus, antagonistische Hemmung von Beuger und Strecker

 

2.1.2 - Instinkthandlung

Lehrplan

Phasen und Voraussetzungen - Prinzip der doppelten Quantifizierung

Analysieren von ungerichtetem und gerichtetem Appetenzverhalten, Endhandlung sowie Handlungsbereitschaft, Schlüsselreiz; Aufzeigen an einem Beispiel; Vorstellen der Methode der Attrappenversuche zur Analyse von Schlüsselreizen und Auslösemechanismen; evtl. Hinweis auf Sonderformen des Instinktverhaltens (ca. 5 Std.)

Literatur  Natura 13, S. 46 
Medien

 

Geräte
Chemikalien, Material   

Eigentümlichkeiten ererbten Verhaltens

Beispiele:

- Hund versteckt Knochen, Kreistreten beim Hinlegen

- Mönchsgrasmücke zieht Kuckuck auf; stopft Nahrung und gelbumrandete Vierecke

Erbkoordinationen (Instinktbewegungen) laufen ohne Einsicht in den arterhaltenden Sinn der Tätigkeit ab.

Fehlleistungen sind möglich

Beispiel: Eirollbewegung der Graugans  

Erbkoordination: Zurückrollen des Eis zum Nest

Taxis: seitliche Balancierbewegungen des Schnabels

Taxis und Erbkoordinationen sind hier ineinander verwoben.

Nimmt man der Gans das Ei weg, wenn sie schon zum Einrollen ansetzt, dann läuft die Eirollbewegung ins Leere weiter, aber ohne seitliche Balancierbewegungen.

 

 

Das Verhalten wird nicht vom Erfolg her gesteuert.

Beispiel: Beutefangender Frosch

 

Phasen einer Instinkthandlung

Was geschieht, wenn das Nahrungsbedürfnis anwächst, aber keine Nahrung zur Verfügung steht? Wie wirkt sich die wachsende Reaktionsbereitschaft aus?

Appetenzverhalten

- Ungerichtetes Suchen: Unruhe, suchendes Umherstreifen oder Lauerstellung (die Wahrscheinlichkeit Beute zu erlangen steigt, Auslösung ohne äußeren Anlass, allein aufgrund der inneren Bedingungen)

Taxis 

- gerichtete Annährung (bei Begegnung mit der Beute)

Endhandlung

Erbkoordination, fest programmierte Folge von Einzelbewegungen (Ausschleudern der Zunge) - ein nahezu stereotypes Verhalten - 

 

 Phasen einer Instinkthandlung:

  • Appetenzverhalten 

  • Taxis (= Richtungskomponente)

  • Erbkoordination (= Endhandlung)

Vergleich mit Motor und Steuerungsmechanismus: Motor läuft ohne Impulse von außen, die Richtungsänderung erfolgt durch Impulse von außen.

Instinktbewegungen ließen sich auch an völlig desafferentierten Tieren nachweisen (z.B. Schlängeln des Aales, elektrische Impulse im Bauchmark des Regenwurms mit normalem Kriechrhythmus) - zentrale Koordination - spontane Erregungsbildung im ZNS, auch ohne äußere Reize

 

Ablauf und Steuerung einer Reaktionskette 

Beispiel: Paarungsverhalten des Stichlings

Reaktionskette: Eine Reaktion des Männchens löst eine Reaktionen des Weibchens aus, diese wiederum eine des Männchens, usw. 

Allgemein: Jede Reaktion ändert die äußere Situation so, dass neue spezifische Reize die nächste Handlung auslösen.

ein laichreifes Weibchen erscheint

Männchen vollführt den Zick-Zack-Tanz
Weibchen folgt 
Männchen zeigt den Nesteingang
Weibchen schwimmt ins Nest
Schnauzen-Trommeln
Weibchen laicht ab
Männchen besamt das Gelege

 

Reifung erbkoordinierter Bewegungen  

Unter Reifung versteht man die von Lernvorgängen unabhängige Entwicklung angepasster Verhaltensweisen, die bei ihrem ersten Auftreten noch nicht vollkommen ausgebildet sind.

Beispiel:  Pickreaktion der Küken (Hühnerbrillenversuch von HESS)

Schlussfolgerung: kein durch Lernen verbessertes Zielen, sondern Reifen eines Zielmechanismus. Die Tiere lernen nie, den Nagel zu treffen

andere Beispiele: 

- Kaulquappen, die unter Dauernarkose gehalten worden sind, zeigen gleich gut ausgebildete Schwimmbewegungen, wie Artgenossen gleich alte Artgenossen, die nicht unter Narkose gehalten worden sind.

- Flugvermögen von Tauben

 

Verhaltenssteuerung durch äußere Reize und innere Bedingungen (Motivation, Bereitschaft)

Beispiel: Hund mit Brot füttern

Die Reaktionsstärke wird bestimmt durch äußere Reize (Reizwert) und innere Bedingungen (Motivation, Bereitschaft) = Prinzip der doppelten Quantifizierung der Reaktionsstärke

 

mittlere Reaktionsstärke kann herrühren von

- mittlerer Bereitschaft und mittlerer Reizgüte

- hoher Bereitschaft und geringer Reizgüte („in der Not frisst der Teufel Fliegen“)

- geringer Bereitschaft und hoher Reizgüte

d.h. höhere Bereitschaft kann geringere Reizgüte ausgleichen und umgekehrt

-> bei hoher Bereitschaft hinsichtlich der Antriebsziele weniger wählerisch

-> Ersatzbefriedigung („am Hungertuch nagen“)

Abhängigkeit von inneren Bedingungen! (Hormone, Sexualität)

Die Folgerung einer Leerlaufaktion aus dem psychohydraulischen Instinktmodell von Konrad Lorenz konnte nicht nachgewiesen werden! 

 

Innere Bedingungen für die Auslösbarkeit von Verhalten  

  • - Versorgungszustand (z.B. Mangel an Wasser oder Nährstoffen)

  • - Hormonspiegel

  • - Entwicklungszustand (z.B. Saugreflex, Sexualverhalten)

  • - vorangegangenes Verhalten (z.B. Paarungsbereitschaft nach Paarung)

  • - vorangegangene Erfahrungen (z.B. Vermeidung schmerzhafter Erfahrungen; Schreckreize können Fluchtbereitschaft für längere Zeit steigern)

  • Tages- und Jahreszeit, endogene Rhythmik (Vogelzug, Jagdverhalten Tag- und Nachtaktiver Tiere)

 

Versorgungszustand und Bereitschaft

Abhängigkeit der Verhaltensweisen Essen, Trinken, Atmen vom Versorgungszustand

Beispiele:

- hungrige Libellenlarven ergreifen größere Beutetiere, ein Zeichen des gesteigerten Antriebs

- Löwe nach reichlicher Mahlzeit

 

Rückwirkung der Endhandlung auf den Antrieb

Versuch von PAWLOW: Hund mit Speiseröhrenfistel - die Nahrungsaufnahme als Vorgang vermindert bereits den Antrieb, nicht erst die zugeführte Nahrung - also zweifache Rückwirkung auf die Bereitschaft bei der Nahrungsaufnahme und beim Trinken

Biologische Bedeutung der Verhaltens-Rückmeldung

Beispiele: 

- Taucher 

- Säugling

Schlüsselreize und angeborener auslösender Mechanismus (AAM)

Attrappenversuche zur Analyse der Auslösbarkeit von Verhalten

Frage: Welche Reize in der Gesamtwahrnehmung sind die eigentlich auslösenden (die Schlüsselreize)?

Beispiel: Analyse der Futterbettelbewegung der Silbermöwen-Küken

 

Attrappe: Gegenstand, der eine Instinkthandlung auslöst, ohne der biologisch normale auslösende Reiz zu sein

Jedes Tier nimmt mit seinen Sinnesorganen nur einen beschränkten Ausschnitt der Umwelt wahr (vergl. UEXKÜLL)

z.B.

- Beutefang des Frosches: kleine, bewegte Objekte

- Fledermaus (Ultraschall)

- Bienen (Ultraviolett, polarisiertes Licht)

- Nilhecht (elektrische Felder)

- Grubenottern (Infrarot)

- Rotkehlchen (Erdmagnetfeld)

- Aale: 1:2,9 Trillionen = 1 ml in 28 x Bodensee!

Nur wenige Reize der wahrgenommenen lösen (angeborenermaßen) Reaktionen aus. Solche auslösenden Reize nennt man Schlüsselreize

Schlüssel

Schloss

spezifische Reizkombination

Hemm-Mechanismus, der die Auslösung des Verhaltens zu unpassender Zeit verhindert und erst beim Eintreffen der spezifischen Schlüsselreize die Hemmung beseitigt (Reizfilter)

= angeborener auslösender Mechanismus AAM oder angeborenes Schema

AAM: Analysierendes System im ZNS, das die reaktionsauslösenden Reize herausfiltert (bestimmte Kombination von Einzelreizen)

Versuche:

a) Beutefang der Libellenlarve

Reaktionsablauf:

- Aufmerksam werden auf die Beute

- Hinwendung

- Vorschnellen der Fangmaske

Auslösende Wirkung der Attrappe

- sie muss sich bewegen

- sie muss eine bestimmte Größe haben (sehr große Attrappen lösen Fluchtverhalten aus, Größe abhängig vom Hungerzustand)

b) Beutefang beim Rückenschwimmer

Durch einen kreisförmig auf der Wasseroberfläche vibrierenden Draht werden kreisförmige Wellen erzeugt. Sie lösen gezieltes Anschwimmen aus.

c) Beutefang beim Gelbrandkäfer

Trotz gut entwickelter Komplexaugen löst ein Glasrohr mit Kaulquappe keine Fanghandlung aus. Wird dem Wasser Fleischsaft zugegeben, setzt Suchverhalten ein und jeder zufällig berührte Gegenstand wird ergriffen.

d) Beutefang bei Unken und Fröschen

andere Beispiele:

- Erdkröte zur Paarungszeit

- Pute erkennt ihre Küken nur mit dem Gehör

- Fluchtreaktion der Gänse bei Raubvögeln

- Maulbrüter (Verhalten der Jungfische)

- Stechmücken, Wanzen (Wärme)

Räuber reagiert auf die vom Beutetier ausgehenden Schlüsselreize

Empfänger und Sender passen sich wechselseitig an, z.B. Duftstoffe zum Anlocken eines Männchens

- auch morphologische Strukturen, Duftstoffe, Lautäußerungen, Bewegungen, Haltungen

 

Auslöser sind eigens als Reizsender differenzierte Strukturen und Verhaltensweisen

Beispiele: Kampfauslösende Reize bei Buntbarschen; Eiattrappen bei Buntbarschen

 

Reizsummation (besser: Erregungssummation)

mit schwarzem Augenstreif

+ 2,79 Bisse/min

mit orangem Fleck

- 1,77 Bisse/min

mit schwarzem Augenstreif und orangem Fleck

+ 1,08 Bisse/min

Reize können sich in ihrer Wirkung gegenseitig ersetzen oder fördern.

(Der Gesamtreizwert lässt sich aber meist nicht einfach aus der Summe der Einzelwerte berechnen)

 

Überoptimale Schlüsselreize: Attrappen, die das natürliche auslösende Objekt an Wirksamkeit übertreffen

Beispiele:

 

- Austernfischer, Vorliebe für große Eier (4x) [FOLIE]

- Leuchtkäfermännchen bevorzugen Attrappe mit größerer Leuchtfläche und größerem Gelbanteil

- Männchen des Kaisermantels bevorzugen rotierenden Streifenzylinder mit braunen Streifen

- Kuckuck: Sperrrachen als übernormale Attrappe

 

Sonderformen instinktiven Verhaltens

Übersprungverhalten

Wenn in einer Situation, in welcher wegen gegenseitiger Hemmung stark aktivierter antagonistischer Antriebe (z.B. Angriff - Flucht) Instinkthandlungen aus anderen biologischen Funktionskreisen auftreten.

Ursache: Antriebskonflikt

 

Intentionsbewegung

Wenn der Ablauf einer Instinkthandlung zwar begonnen, aber wegen eines zu geringen Antriebs oder eines zu schwachen Schlüsselreizes nicht zu Ende geführt wird.

Ursache: zu schwache Verhaltenstendenz

 

Umorientierung

Wenn sich die Richtung oder das Zielobjekt einer Instinkthandlung geändert hat.

Ursache: zielgehemmter Antrieb

Handlungsketten beim Paarungsverhalten des Stichlings

 

2.1.3 - Nachweis angeborener Verhaltensweisen

Lehrplan Herausstellen von Ergebnissen und Grenzen am Beispiel von Kaspar-Hauser-Versuchen; evtl.  Hinweis auf andere Methoden
Literatur   
Medien

 

Geräte
Chemikalien, Material   

Wie lässt sich das Vorhandensein angeborener Verhaltensweisen experimentell nachweisen? 

Z.B. Vogelgesang?

Kaspar-Hauser-Experimente: Aufzucht unter Erfahrungsentzug

Kaspar Hauser, der weitgehend isoliert von anderen Menschen aufgewachsen war, wurde 1828 in Nürnberg aufgefunden. Er  wies deutliche Entwicklungsmängel auf. Nach ihm ist die  Forschungsmethode der Kaspar-Hauser-Experimente benannt:

  • Trennung von den Artgenossen unmittelbar nach der Geburt 

  • Aufzucht unter spezifischem Erfahrungsentzug

Beispiel: Vögel der gleichen Art singen in der Regel die gleichen Gesänge

CARMICHAEL 1927 zog Kaulquappen unter Dauernarkose auf, bis die Kontrolltiere gut schwammen. Nach Entfernen des Narkosemittels...

GROHMANN 1939 Tauben in zu engen Käfigen - konnten nicht mit den Flügeln schlagen - Kontrolltiere

Beispiel: Verhaltensbeobachtungen beim Eichhörnchen:

 

- pflückt eine Nuss - klettert zu Boden - sucht Baumstamm o.ä. - scharrt mit den Vorderbeinen ein Loch - legt die Nuss hinein - rammt sie mit der Schnauze fest - deckt das aufgegrabene Erdreich darüber - drückt das Erdreich fest -

Wie weit ist dieses Verhalten angeboren, wie weit erlernt?

Isolation (keine Artgenossen) - Gitterkäfig ohne Einstreu - breiige Nahrung - keine Hungerzeiten

- wenn erwachsen: Nüsse geben

Ergebnis: Das Eichhörnchen beherrscht die gesamte Versteckhandlung auf Anhieb (im Käfig ohne Einstreu!)

=> erbangepasste Verhaltensweise

aber: angeborenes Verhalten muss nicht immer als Erbkoordination vorliegen, z.B. Gimpel ahmen nur den Gesang des Vaters nach: angeborenes Lernrezept

Versuch mit Kanarienvögeln und Gimpel

Problematik der Kaspar-Hauser-Versuche: 

- Störung im Gesamtbefinden, bei Haltung im Dauerdunkel  

- alle Reize müssen angeboten werden, nur der zu untersuchende nicht

- beim Menschen aus ethischen Gründen natürlich nicht anwendbar 

 

 

2.1.4 - erbbedingte Verhaltensanteile beim Menschen (-> W)

 

Lehrplan Vorstellen ausgewählter Verhaltensweisen von Säuglingen und taubblind geborenen Kindern; angeborener Auslösemechanismus, z.B. Kindchenschema, Mann-Frau-Schema; Bewusst machen seiner Bedeutung, auch in der Werbung (- ME) (ca. 3 Std.)
Literatur   Lit.: Eibl-Eibesfeld S. 454, Hassenstein S. 22
Medien

 

Geräte
Chemikalien, Material   

 

Gibt es sie beim Menschen? Zwillingsforschung!

Zit.: GEHLEN Anthropolog. Forschung rde 138, s.110 „Instinktreduktion“ Argumente emotional, Vorwurf der Gleichsetzung von Tier und Mensch

aber: durch Beobachtung von Tieren breitere Induktionsbasis zur Gewinnung allgemeiner Gesetze, z.B. über Einehe.

1. Erbkoordination und ihre Auslösung beim Säugling

- Greifreflex (Menschenkind als ehemaliger Tragling)

[FILM: Greifreflex] 

 

- Schreiweinen als Ausdruck des Verlassenseins

 

- Lächeln -> emotionale Bindung der Mutter an das Kind (Auslösbarkeit durch Attrappen) - spontane Antwort, Begrüßung

 

- Schreit-, Kriech- und Schwimmbewegungen können ausgelöst werden

 

weitere Reaktionen:

- Reaktion auf symmetrisch sich ausdehnende Schatten

- Reaktion auf vorgetäuschten Abgrund

- 30 cm-Würfel  in 1 m, 90cm-Würfel in 3m Enfernung; Erwartung, dass gesehene Objekte auch ergriffen werden können

- Objekt hinter Schirm versteckt

 

2. Verhalten taubblind Geborener 

Kaspar-Hauser-Versuche beim Menschen? - Zufallsexperimente der Natur

 

Beobachtungen:

5- und 7-jährige mit gleicher Motorik wie gesunde Kinder:

- Lachen und Weinen

- Aufstampfen mit dem Fuß bei Ärger

Es gab keine Möglichkeit, die komplizierten Bewegungskoordinationen auf dem Weg schrittweiser Verstärkung durch Belohnung zu erwerben => also Erbkoordination

Grenzen dieser Methode: Komplizierte Ausdrucksbewegungen, die einen Dialog von Mimik und Rede erfordern

3. Vergleich des Verhaltens von Menschen verschiedener Kulturen

keine Möglichkeit, voneinander zu lernen => kulturelle Abwandlungen; Beispiel: Sprachen und Schriften

überall verbreitet und verstanden

- Weinen vor Kummer

- Lachen und Lächeln als Ausdruck der Freude und des Glücksgefühls

- Überraschung, Erstaunen, Langeweile

Universalität menschlicher Ausdrucksbewegungen (unbemerktes Filmen)

Augengruß, Flirt, Wut, Zunge-Zeigen als Geste verächtlicher Ablehnung

Jubel (Fußballspiel) Hände hochwerfen, Aufstampfen mit dem Fuß im Zorn

 

 reagieren auch Erwachsene auf AAM?

Kindchenschema

„herzig“, „nett“ usw.

  • im Verhältnis zum Rumpf großer Kopf

  • Hirnschädel überwiegt Gesichtsschädel

  • vorgewölbte Stirn

  • große Augen, liegen bis unter der Mitte des Gesichtsschädels

  • kurze, dicke Extremitäten

  • rundliche Körperformen

  • weich-elastische Oberflächenbeschaffenheit

  • Pausbacken (wahrscheinlich echte, im Dienst der Signalbildung stehende Differenzierungen, fehlt bei Affen und Säugern)

  • Tolpatschigkeit

vergl. Tiere: Wellensittich, Pekinese

Verständnis der Mimik durch AAM: Kamel, Adler usw.

Schönheitsideale: Attrappenhafte Übertreibbarkeit der Einzelmerkmale

- Schulterpartie beim Mann - Mann-Schema

- Frau-Schema (Vergleich Gazelle, Nilpferd) prähistorische Venus

Bedürfnis nach Deckung und Ausblick

 

Ausnutzung in der Werbung

Wer wird angesprochen? Vorwiegend affektgeleitete und wenig erfahrene Menschen

Beispiele für Fehlleistungen

- Kindchenschema bei den Kindern einer Mutter; Ungleichbehandlung

- Einstellung einer neuen Arbeitskraft

- Wahl des Ehepartners (sexuelle Attraktion ist noch keine Garantie für einen idealen Ehepartner)

Das Verhalten des Menschen bedarf der Vernunftkontrolle!

Sachliches Überdenken!

EAAM: Durch Erfahrung modifizierter angeborener auslösender Mechanismus

z.B. Achtmonatsangst

Menschliche Entscheidungsfreiheit

Begrenzte Kontrolle von Antrieben

z.B. Schlaftrieb, Esstrieb, Atemantrieb

Beispiel: Bergsteiger sieht herabstürzenden Felsbrocken

a) Panik -> kopfloses Davonlaufen: von übermächtigem Antrieb beherrscht => unfrei

b) Besonnenheit -> Möglichkeiten überdenken, Konsequenzen (Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge bewusst machen), Entscheidung

=> entscheidungsfrei nach dem Abwägen von Handlungsmöglichkeiten

Ist der Mensch willensfrei im philosophischen Sinne?

Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für Verantwortlichkeit (Beispiel: Ertrinkender, der den Tod des Retters verursacht) - Prinzip der Rechtssprechung - starker Antrieb als Gegenspieler der Entscheidungsfreiheit, z.B. Jähzorn oder Panik

Überwindung des Gegensatzes zwischen Antrieb und Intellekt: der Mensch ist „mit sich im Einklang“, wenn Antrieb und Wille in die gleiche Richtung weisen.